Wildes Eierlesen: Der Frühling besiegt den Winter

Beim traditionellen Eierlesen trug der Frühling den Sieg davon – und das bei strahlendem Sonnenschein. Die Zuschauer kamen aber nicht nur wegen des Prachtwetters auf ihre Kosten: Die Beteiligten lieferten sich einen spektakulären Kampf.

Beim Eierlesen 2015 trug der Frühling den Sieg davon. Alles andere hätte die Zuschauer am gestrigen Sonntag bei der Oeschger Brauchtumsshow auch schwer enttäuscht – bei milden Temperaturen und Sonne satt. Obwohl: Bis zum Schluss war es spannend geblieben. Winter- wie Frühlingsteam lagen gegen Ende fast gleichauf. Doch weil unter den winterlichen Symbolfiguren der Schneemann verletzungsbedingt ausgefallen war, blieben nur noch der Straumutti, der Jasschärteler und der Bierdeckeler übrig, um die gegnerische Mannschaft erfolgreich am Eierlesen zu hindern. So konnten die Grünen – Tannechriisler, Stächpälmler, Gmischter und Hochzeitspaar – auftrumpfen. Da half auch das letzte Aufbäumen des Straumutti nichts mehr. Dieser war konditionell in seinem dicken Strohanzug auch am meisten gefordert. Immer wieder musste er von Helfern am Strassenrand mit Flüssigkeit versorgt werden. Gegen 15 Uhr, nach einem gut einstündigen Lauf, war er dann heilfroh, aus dem schweisstreibenden Gewand herausgeschnitten zu werden.

Wie jedes Jahr seit 1980, seit es die alte Tradition des Eierlesens in Oeschgen wieder gibt, hatte der Turnverein die Lesestrecke zwischen Kirche und dem früheren Gasthof Schwanen bestens präpariert. 200 Eier säumten die Mitteldorfstrasse in diesem Abschnitt – je 100 auf jeder Strassenseite. Die zwei Läufer der Winter- und der Frühlingspartei mussten diese Eier aufsammeln, möglichst heil zum Kirchplatz bringen und sie dort in eine Spreuwanne werfen.

Erschwerte Bedingungen

Doch das Oeschger Eierlesen wäre nicht so populär, wären die Bedingungen nicht ein wenig verschärft. So gilt es das zerbrechliche Gut laufend, auf einem Velo ohne Bremse und Pneus, per Bärenkarre, Ski, sackhüpfend und auf Stelzen ins Ziel zu bringen. Und hier sind die Attacken der gegnerischen Symbolfiguren noch nicht einmal eingerechnet. Diese warfen sich auf in diesem Jahr wieder voller Inbrunst aufeinander oder versuchten die Eierleser selbst zu sabotieren. Zuschauer wurden Zeuge, wie leidenschaftlich sich die Jahreszeiten duellierten. Manche Szenen erinnerten an professionelles Wrestling oder an Sumo-Ringen – vor allem, wenn der Straumutti involviert war. Zwischen den Reihen stolzierte auch das Brautpaar umher, das selbst nicht angriff, von den Winter-Gesellen aber auch nicht verschont wurde. Und bei allem Chaos musste der Eierpfarrer als Schiedsrichter stets den Überblick behalten.

Schon zur Hälfte des Wettstreits glich die Mitteldorfstrasse einem Schlachtfeld. Stechpalmen- und Tannenzweige mischten sich am Boden mit abgerissenen Bierdeckeln und Spielkarten. Das zuvor so ordentlich aufgehäufte Sägemehl hatte sich grossflächig verteilt und da und dort sich auch mit dem Inhalt aufgeplatzter Eier vermengt.

Dann ging es in die Zielgerade. Winter und Frühling lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Finale. Doch dann konnte die Frühlings-Partei das letzte Ei dann doch als erste über das Dach des Ruflin-Hauses werfen.

(az Aargauer Zeitung)